METAPHORISCHE VERBEN DES SPRECHENS IM ROMAN
„DIE ILSE IST WEG“ VON CHRISTINE NÖSTLINGER
Die Verben
des Sprechens zählen im Gegenwartsdeutschen zu den Hauptrepräsentanten des
kommunikativen Bereichs der Sprechtätigkeit. Das ganze Inventar von Verben des
Sprechens wird im lexikalisch-semantischen Feld (LSF) organisiert, dessen Kern
Lexeme sagen, sprechen, reden, schweigen bilden. Im LSF des Sprechens lassen sich lexikalisch-semantische
Gruppen (LSG) und Subgruppen aussondern.
Die Aufgabe des vorliegenden Beitrags ist die Analyse der
Verben des Sprechens, die der Charakterisierung einer Person dienen. Sie
konstituieren die folgenden zwei LSG:
1) die LSG der Verben des Sprechens, die die
Lautintensität (wispern, flüstern, reden, rufen, schreien, jammern, brüllen,
grölen, kreischen), die Deutlichkeit des Artikulierens (skandieren,
nuscheln, murmeln), die Tonhöhe (brummen, kreischen, quieksen) u. a. m. charakterisieren; 2)
die LSG der Verben des Sprechens, die die Emotionen der Teilnehmer des
Redeprozesses (loben, schimpfen, fauchen, meckern, zischen) ausdrücken.
Wir zählen die Verben des Sprechens zu der sogenannten
Portrait-Lexik und gehen dabei davon aus, dass unter Portrait nicht nur
statisches (die Beschreibung von anatomischen Details, Gesichtszügen, Körper,
Kleidung, Frisur), sondern auch dynamisches Portrait (Mimik, Gesten,
Besonderheiten des Redeverhaltens) verstanden wird.
Die Analyse der beiden LSG hat ergeben, das für ihre
Konstituenten die Metaphorisierung der Ausgangsbedeutung kennzeichnend ist. Der
Metaphorisierung liegen Laute, die von Tieren produziert werden (brüllen,
brabbeln, zischen); Laute aus der Natur und Umgebung (tönen, brummen);
konkrete Handlungen, die der Mensch in seinem Alltagsleben ausführt (auspacken,
eröffnen, herfallen, austauschen) zu Grunde. Die Anzahl dieser Verben geht
an die 40 Einheiten. Die frequentesten und produktivsten sind die Verben, die
ihre metaphorischen Bedeutungen auf der Grundlage des Vergleichs mit der
Tierwelt entwickeln. Wir sondern drei Subgruppen aus:
1) Verben mit der Bedeutung von Lauten, die Insekten
(Bienen, Fliegen, Zirpen) von sich geben: summen,
grummeln, zirpen;
2) Verben mit der Bedeutung von Lauten, die Vögel
(Tauben, Hähne, Möwen, Wellensittiche) von sich geben: gurren, krächzen, krähen, kreischen;
3) Verben mit der Bedeutung von Lauten, die andere Tiere
(Hunde, Katzen, Ziegen, Schweine, Bären, Löwen, Tiger, Elefanten, Mäuse,
Schlangen u. a. m.) als Insekten oder Vögel von sich geben: bellen, blöken, brabbeln, brüllen, brummeln, brummen, fauchen, gackern, grunzen, kläffen, knurren, meckern, piepsen, quaken, quieken, quieksen, quietschen, schnattern,
trompeten, wimmern, zischen.
Wie die Analyse ergibt, sind die Grenzen zwischen Gruppen
und Subgruppen der betreffenden Verben nicht immer deutlich und lassen in
manchen Fällen die Übergänge aus einer Subgruppe in die andere zu. Da ein und
dasselbe Verb die Lautstärke, die Deutlichkeit des Artikulierens, die Tonhöhe
bezeichnen und die emotionale Bewertung ausdrücken kann, schließt diese
Klassifikation die Möglichkeit nicht aus, dasselbe Verb den unterschiedlichen
LSG zuzuordnen.
Um die
Semantik des Wortes genauer zu erschließen, sollte man nicht nur seine
systematische Bedeutung und Beziehungen zu anderen lexikalischen Einheiten
aufdecken, sondern auch die Funktionen des Wortes im Text analysieren. Das Wort
als Zeichen wird zum Signal, zum materiellen Informationsträger nur, wenn es
aktualisiert, durch ein kompliziertes Beziehungssystem umfasst wird, das es mit
anderen Zeichen und einer konkreten Situation im Ganzen verbindet [1, 105–106].
Als Material zur Analyse des Funktionierens von
metaphorischen Verben des Sprechens im literarischen Text wurde der
psychologische Roman „Die Ilse ist weg“ der österreichischen Schriftstellerin
Christine Nöstlinger gewählt.
Der Hauptbereich des Funktionierens der betreffenden
Verben in diesem Roman ist deren Gebrauch in den Konstruktionen mit der
direkten Rede: „Na, jetzt ist es besser,
du Trottel!“, fauchte die Ilse. Ich
kann leider nie eine richtige Wut bekommen [2, 10]. „Wegen ihrer Schwester!“, brüllte
die Oma in der Lautstärke, in der sie zu Opa spricht. Die Amtsrätin zuckte
erschrocken zusammen [2, 87]. Und auf
einmal galoppierte sie wie eine Furie ins Bad, riss den Spiegelschrank auf, kreischte: „Da, da, da! Alles hat sie!
Alles!“, und warf die ganzen Kosmetiksachen von der Ilse aus dem Schrank [2,
26]. Ich habe sonst keine Waldmausstimme,
doch als ich „Ich, bitte“ sagte, piepste
ich wie das jüngste Kind der Waldmaus [2, 54]. „Kurt!“, zischte sie. „Ich
finde, du benimmst dich grotesk! Alles hat seine Grenzen!“ [2, 69].
In den angeführten Beispielen dienen die metaphorischen
Verben des Sprechens der Charakterisierung von Romanfiguren und ihren
Redebesonderheiten sowie dem Ausdruck ihres emotionalen Zustands wie Aufregung,
Empörung, Wut, Zorn, Angst, Unzufriedenheit.
Die Romanfiguren schreien schrill, kreischen; ihre groben
und lautstarken Stimmen klingen wie das Brüllen eines Löwen, das böse Zischen
einer Schlange, das Fauchen einer Katze oder sie sprechen mit piepsenden und
quietschenden vor Aufregung oder Angst Stimmen.
Auf der Grundlage der durchgeführten Analyse lässt sich
zusammenfassen, dass metaphorische Verben des Sprechens als Repräsentanten des
Bereichs der kommunikativen Sprechtätigkeit nehmen einen besonderen Platz im
betreffenden LSG ein. In literarischen Texten sind die untersuchten Lexeme
vorwiegend in den Konstruktionen mit direkter Rede zu finden. Metaphorische
Verben des Sprechens kommen als bildhafte Mittel der Charakterisierung vom Redeverhalten der Figuren vor.
Література
1.
Ушакова Т.Н. Речь человека в общении / Т.Н.
Ушакова, Н.Д. Павлова, И.А. Зачесова. - М. : Наука, 1989.
2.
Nöstlinger Ch. Die Ilse ist weg / Ch. Nöstlinger. – München : Langenscheidt,
2009. – 103 S.
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